Was braucht ein Ortsplatz?

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Über Grundlagen von Lebensmitte und Lebendigkeit

Ich fragte, was ein Ortsplatz brauche? Frequenzbringer, gab der Befragte zur Antwort. Diese Antwort führte mich zu einer weiteren Frage: Was brauchen Frequenzbringer und in der Folge deren Kunden, damit sie kommen und bleiben? Es folgten betriebswirtschaftliche, städtebauliche und raum­planerische Argumente. Ich nickte zustimmend. Im Verlauf der Diskussion merkte ich jedoch, dass meine Frage in letzter Konsequenz unbeantwortet blieb. Also machte ich mich auf die Suche, was beide, sowohl Betriebe als auch Bewohner/Kunden, anregt und ermöglicht, zu kommen und zu bleiben.

Es gibt viele innovative Projekte zur Dorferneuerung und Stadterneuerung. Mit spannenden Formen von Prozessmoderation, Bürgerbeteiligung und Projektförderung. Spannend ist auch die Entwicklung von Sichtweisen und Haltungen bei den Behörden und Beteiligten. Manchmal führen wertvolle Projekte aber nicht zum erwünschten Ziel. Dafür gibt es unterschiedliche Gründe. Einer begegnet mir allerdings immer wieder: mangelnde Energie, genauer gesagt mangelnde Lebensenergie. Dieser Dreh- und Angelpunkt des guten Lebens wird nicht besprochen und mitgeplant. Ich möchte einige Punkte besprechen, warum das trotzdem von großer Wichtigkeit wäre.

Elemente der Lebensmitte

Die Ortsmitte ist die Lebensmitte der Gemeinde oder des Stadtteiles. Das ist deshalb immer wieder zu betonen, weil sich Wohnung und Haus dahin entwickelt haben. Ein modernes Biedermeier, ist man versucht zu interpretieren. Der Mensch ist aber ein Gemein­schaftswesen und braucht die gemeinsame Lebensmitte ebenso sehr wir den Rückzug ins Private. Das haben wir in Corona-Zeiten besonders leidvoll erfahren.

Was gehört zur Ausstattung von Lebensmitten, wenn wir die verlassenen Plätze wieder aktivieren wollen? Was braucht es, damit die Menschen wieder die Gemeinschaft suchen? Ein paar Beispiele möchte ich gerne nennen:

Mitte mit Aufenthaltsqualität

Die Ortsmitte ist selten ein Ort, wo man sich gerne aufhält. Es ist steril gepflastert und höchstens für Autos gemütlich. Die alte Dorflinde oder der Ortsbrunnen haben ihre Standorte verloren, weil sie im Wege standen. Einzelne Häuser des Ortes wurden abgerissen und gegen unansehnliche Neubauten ersetzt. Ein Szenario, wie jeder von uns wohl eines kennt.

Lebendige Ansprache

Eine gute Aufenthaltsqualität kann entstehen, wenn ein Ort oder eine Stadt Ambiente hat, Geschichten erzählen und Menschen begeistern kann. Die emotionale Ansprache der Menschen in einem Ort und in einer Stadt und derjenigen, die sie besuchen, ist unerlässlich für eine lebendige und lebenswerte Stadt. Dabei müssen die Erzählungen nicht offensichtlich sein. Sie zu spüren genügt oft.

Freundliche Häuser

Das Gesicht des Hauses ist das, was einen Passanten ins Auge fällt. Eine freundliche Fassade, einladend oder lesenswert, bewirkt mehr als so manche Verschönerungsaktion. Und damit meine ich keine generalsanierte, geleckte Außenwand. Man darf ihr Alter erkennen, ihre Spuren der Zeit, ihre Falten und Spalten. Authentisch eben. Ich bleibe gerne stehen vor den Details der Häuser. Bilder können entstehen von den Menschen und ihren Beweggründen, die diese Details geschaffen haben. Sie zu entfernen heißt auch, die Energie unserer Großväter und Großmütter zu entfernen.

Nahversorger

Ebenso wichtig wie die bekannten Frequenzbringer sind die vielen kleinen Einrichtungen des täglichen Bedarfes. Die Bushaltestelle, die Poststelle, der Geldautomat. Dazwischen natürlich das Cafe und der Bauernladen. Der Parkplatz ist am Ortsrand – mit einem Weg ins Zentrum, den man jedesmal gerne geht und der voller Überraschungen ist.

Zentrum der Gemeinschaft

Viele Gemeindezentren liegen an den Ortsrändern. Dort war in jüngerer Vergangenheit ein Grund­stück für einen Neubau frei. Mit der Absiedlung steht das Gemeinsame nicht mehr im Mittelpunkt. Damit verliert nicht nur der Ortsplatz, sondern die ganze Gemeinde an Lebenskraft. Und damit leiden auch das gemein­schaftliche Leben und die gemeinschaftlichen Projekte. Gemeindeämter gehören auf den Ortsplatz!

Orts- und Stadtentwicklung nach innen

Die Entwicklung von Szenarien zur Verlegung öffentlicher Einrichtungen des Bundes, der Länder und vor allem der Gemeinden aus der Peripherie zurück auf den Orts- oder Stadtplatz ist nur eine von konsequenten Strategien. Auch die Etablierung der Handels- und Dienstleistungslandschaft aus den Randlagen hinter das Ortschild ist eine längst überfällige Entwicklung.

Infrastruktur für Dritte Orte

Neben den privaten und den betrieblichen Orten braucht es Infrastruktur für Räume der Begegnungen, Räume des Dazwischen, informelle öffentliche Orte, öffentliches Wohnzimmer für alle, usw. Neben experimentellen Orten braucht es auch experimentierende Menschen. Beispiele dafür gibt es viele. Und den Mut, neues auszuprobieren!

Warum ist es trotzdem so mühsam?

Wenn man die Webseiten und Folder der Dorfentwicklung und -erneuerung studiert, findet man bei allen wertvolle und richtige Ansätze zur Gestaltung lebendiger Ortszentren. Warum ist es dennoch mühsam, dass das Gemeinte auch das Genutzte wird? Ein Grund könnte sein, weil bei den Planung die Versorgung mit Lebensenergie nicht mitgeplant wird.

Grundlagen von Lebendigkeit

Lebensenergie bringt Lebenskraft und Lebensfreue, lautet einer meiner Wahlsprüche. Wenn ich darüber spreche, kommt immer der Punkt, wo ich diese drei Begriffe erklären muss. Was ich natürlich gerne mache. Aber es zeigt mir, wieviel wir seit der Wegweisung von Natur und Leben aus unseren Herzen darüber verlernt haben.

Gibt es Lebensenergie überhaupt?

Über diese Frage ließe sich gut streiten. Muss man aber nicht. Es genügt ein Blick auf jene Ortsplätze, die gut funktionieren. Am Besten auf ganz alte, die noch nicht neu gestaltet wurden. Mit der Lebensenergie-Brille natürlich, sonst übersieht man die Wege der Energieversorgung. Nicht nur in mediterranen Orten, auch hierzulande habe ich viele davon studiert.

Energie für Gastlichkeit

Das Glas Rotwein und der Grill haben sich in die privaten Gärten zurückgezogen. Wir haben verlernt, uns auf andere Menschen zu freuen. Das liegt aber auch daran, dass wir den Orten der Begegnung die Gastlichkeit genommen haben. Oder genauer gesagt, wir haben die Energiezufuhr für Gastlichkeit, die wir an diesen Orten verspüren und gerne ihrem Charme erliegen, abgedreht.

Alles neu und keiner geht hin

Der Ortsplatz wurde neu gestaltet, frisch betoniert und gepflastert, übersichtlich und aufgeräumt. Das hat viel gekostet und alle freuen sich. Aber keiner kommt. Warum bloß? Mein Vorschlag: setzen wir uns auf den Platz, irgendwo hin mit gutem Überblick, fahren uns runter und versuchen uns reinzuspüren. Gedanken ausschalten! Welche Gefühle kommen auf?

Mentales gegen Emotionales

Ein mögliches Gefühl, das aufkommt: es ist nicht gemütlich. Hier tobt ein neuer Kampf: das Mentale gegen das Emotionale, das Vernünftige gegen das Verspürte. Und der Kampf wird in den nächsten Jahren noch weitertoben, soviel ist zu erwarten. Dabei wäre es nicht so schwierig: es braucht immer beides. In einem guten Verhältnis.

Ordnung kann nicht alles

Es braucht das Verwinkelte, damit Lebensenergie nicht zu schnell wird, sondern hängenbleibt. Es braucht die Abwechslung von Breite und Enge, damit Lebensenergie impulisiert wird. Es braucht das Überraschende, das Schützende. Es braucht das Numinose, damit ein Bauchkribbeln möglich ist. Diese Gestaltungselemente sind nie Zufall, sondern immer gut geplant.

Kraftwerke und Verteilstationen

Es gibt einige Kraftwerke der Lebensenergie. Sie alle haben mit der Natur zu tun. Je mehr wir unsere Quellen der Lebenskraft verbauen, desto weniger Energie wird geliefert. Eigentlich logisch! Was wir nicht mitüberlegen ist, dass dadurch eine Mangelsituation entsteht. Und was einst von der Natur kostenlos zur Verfügung gestellt wurde, müssen wir dann für viel Geld teuer rückbauen.

Der Hausberg als Energielieferant

Der Hausberg zum Beispiel. Jeder Ort hat einen oder steht zum Teil selber drauf. Wird er verbaut, kann er seiner Aufgabe der Versorgung der Land- und Ortschaft mit Lebensenergie nicht mehr nachkommen. Bei größeren Orte und Städten kommt noch der Weg vom Berg in das verbaute Gebiet dazu. Belüftungsachsen liefern nicht nur Frischluft!

Freier Ortsbach statt Ortskanal

Oder der Ortsbach. Die meisten Orte haben oder hatten einen Bach, der über den Ortsplatz fließt oder geflossen ist. Dieser wurde von unseren Vorfahren auch nicht immer pfleglich behandelt. Aber er konnte frei fließen, manchmal durfte er sogar durch den Ort mäandrieren. Wird dieser kanalisiert, kann er ohne seine natürliche Mäandrierung Ort und Land nicht mehr mit Lebensenergie versorgen.

Antennen ohne Elektrosmog

Der Ortsbaum und der Ortsbrunnen sind aktuell klimatische Argumente. Viel wichtiger aber ist ihre Funktion bei der Erfassung von speziellen Formen von Lebensenergie am Ortsplatz. Nämlich solchen, die nicht aus der Erde, sondern aus der Atmosphäre kommen. Wichtig dabei ist der Platz, an dem sie stehen. Ein Versetzen des Ortsbrunnens an andere (verkehrsgünstigere) Stelle beispielsweise macht diese Funktion zunichte.

Verteilstationen der Lebensenergie

Lebensenergie fließt, egal woher sie kommt – wenn man sie lässt. Kann sie nicht frei fließen, gelangt Wohl­befinden nicht in die Spalten und Ritzen der Plätze und ihrer Gebäude. Ohne Planung der Lebensenergieflüsse bleibt selbst bei bester Ortsplanung die Aufenthaltsqualität auf halber Strecke stecken. Es gibt noch mehr Kraftwerke der Lebensenergie, wir müssen auf sie achten!

Fluss der Lebensenergie

Nicht nur die Intensität, auch die Fließgeschwindigkeit von Lebensenergie ist von Bedeutung für den Wohlfühlfaktor. Ist sie zu schnell, wird es ungemütlich, ist sie zu langsam, wird es zu fade. Doch das lässt sich gestalten. Die Planung des Lebensenergieflusses ist insbesondere bei Ortsplätzen in Hangsituationen wichtig, wo der schnelle Abfluss talwärts vorprogrammiert ist.

Geist und Seele am Ortsplatz

Das kulturelle Gedächtnis darf nicht verloren gehen, ist eine oft gehörte und zitierte Forderung. Sie betrifft auch und vor allem die gebauten Wissensträger, unsere Orts- und Stadtplätze. Nicht museale Versteinerung, sondern lebendige Einbindung in den gesellschaftlichen Alltag. Diese Balance ist aber zugunsten der Authentizität einer Gemeinschaft wichtig und notwendig.

Das Gedächtnis des Ortes

Wenn etwas zum Selbstzweck wird, trägt es den Keim des Zerstörerischen in sich. So empfinde ich aktuell auch Immobilien-Projektentwicklungen. Sie haben ihre dienende Funktion für die Menschen aufgegeben. Wenn die alten Häuser auf einem Orts- oder Stadtplatz langsam verschwinden, löst sich auch das Gedächtnis und die Identität eines Ortes auf. Ist das gewollt?

Der Genius Loci

Gedächtnis und Identität eines Ortes ist aber mehr als Geschichte. Es ist der Geist der Gemeinschaft, der Geist des Ortes. Wir spüren und besprechen das jedesmal, wenn wir im Urlaub mediterrane Orte besuchen. Und wir nennen es unwichtig und unrealistisch, wenn wir wieder Zuhause sind. Damit kein Missverständnis aufkommt: auch neue Stadtteile und Siedlungen können einen starken Genius haben!

Die Anima Loci

Der Genius Loci findet auch in der Sprache der Architektur seinen Ausdruck. Was ich jedoch sehr vermisse, ist die Diskussion um die Seele eines Ortes. Geist und Seele, Genius und Anima, sind zwei verschiedene Aspekte des Unsterblichen. Die Beheimatung seelischer Qualitäten im Ort ist herausfordernd, aber wichtig. Dafür braucht es große und weite Herzen!


DORFIMPULSE
Mag. Wolfgang Strasser
Lebensraum- und Unternehmensberater

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